Die Entstehung des Hauptkampfpanzer T-72
Vorgeschichte
Die Geschichte des Panzers T-72 ist eng verbunden mit der Entstehung des Ersten sowjetischen Hauptkampfpanzers T-64 und den Entwicklungsarbeiten zweier Panzerwerke; dem Werk Nr. 183 „Uralwagonwerk“ (UWZ) in Nishni Tagil und dem Werk Nr. 75 „Malyschew“ in Charkow.
Ende der 1940er Anfang der 1950er Jahre wurde in der UdSSR die Entscheidung getroffen, dass ein Standardpanzer geschaffen werden soll, der die in der Ausrüstung der Armee befindlichen schweren und mittleren Panzer ablösen soll. Später sollte diese Standardpanzer auch in die Armeen befreundeter Staaten (Warschauer Vertag) Einzug finden. Da also eine sehr große Stückzahl benötigt wurde, sollte die Produktion in allen Panzerwerken der UdSSR organisiert werden.
Dieser Plan wurde Anfang der 1950er Jahren mit der Ausarbeitung des Vorprojektes des zukünftigen mittleren Panzers in die Tat umgesetzt. Das Vorprojekt sollte ein Konstruktionsbüro ausarbeiten, dass sich nicht mit Modernisierungsarbeiten der in Serienproduktion befindlichen Panzertypen befasst ist.
Damit sollte erreicht werden, dass die neusten Lösungen aus Wissenschaft und Technik in der neue Konstruktion zusammenfließen.
Zu diesem Zweck wurde 1951 das Konstruktionsbüro-60 des Werkes Nr. 75 in Charkow unter der Leitung von A.A. Morozow mit dieser Aufgabe betraut. Von 1952 bis 1953 wurde das Vorprojekt ausgearbeitet, das eine 10%tige Steigerung gegenüber dem T-54 darstellte..
Die „Objekt 430“ und „Objekt 434“
Mit dem Beschluß des Ministerrates der UdSSR Nr. 598-265 vom 02.05.1954 „Entwicklung des neuen Panzers“ war das Projekt bestätigt und das Werk Nr. 75 mit der weiteren Entwicklung beauftragt worden. Die wichtigsten Taktisch-Technische Parameter waren eine Masse von max. 36 t und eine Hauptbewaffnung mit der stabilisierten 100 mm Panzerkanone D-54TS.
Die Entwicklungsarbeiten wurden im Charkower Werk Nr.75 unter dem Index „Objekt 430“ bis 1956 abgeschlossen.
Mit dem gleichen Ministerrates-Beschluß vom 02.05.1954 wurde aber auch das Werk Nr.183 in Nishni Tagil mit Entwicklungsarbeiten beauftragt. Der Chefkonstrukteur der Konstruktionsbüro „Abteilung 520“ im Nishni Tagiler Werk Nr.183, L.N. Karzew hatte von dem Projekt erfahren und in Eigeninitiative eine eigene Konstruktion (Objekt 140) vorgeschlagen. In diesen Jahren war das KB des Werkes Nr.183 mit der Begleitung der Serienproduktionen des T-54 und später T-55. Trotzdem arbeitete man an neuen Entwicklungen.
Es war in der UdSSR durchaus üblich zwei KB mit der Entwicklung neuer Fahrzeuge zu beauftragen und nach intensiven Vergleichserprobungen eine Konstruktion auszuwählen.
Nach den Werkserprobungen wurden 1959 das „Objekt 430“ mit 2Takt-Gegenkolben-Motor 5TD (590 PS) und das „Objekt 140“ mit 4Takt-Dieselmotor TD-12 (580 PS) im Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für Panzertechnik in Kubinka erprobt.
Beide Panzer wurden nicht in die Bewaffnung übernommen.
Beide KB nutzten die Entwicklungsarbeiten zur Schaffung neuer Objekte.
Das KB-60 führte die Arbeiten mit dem „Objekt 432“ weiter, das bewaffnet mit der 115 mm Kanone D-68 (2A21) ab Oktober 1963 in Serie produziert wurde, aber erst am 30.12 1966 offiziell als T-64 in die Bewaffnung aufgenommen wurde. Festgestellte technische/konstruktive Mängel verzögerten die offizielle Aufnahme in die Ausrüstung der Armee.
Im Zusammenhang mit der Einführung der englischen 105 mm Kanone L-60 und dem Beginn der Serienproduktion des amerikanischen M60 mit dieser Kanone, war die sowjetische Armeeführung gezwungen ein gleichwertiges Gegenstück zu finden. Die Entscheidung fiel auf das „Objekt 165“ mit 100 mm Kanone D-54, von dem 1958 drei Versuchsmodelle erfolgreich erprobt worden waren. Die überarbeitete Variante wurde mit der speziell entwickelten 115 mm Glattrohrkanone U-5TS (2A20) bewaffnet und erhielt die Bezeichnung „Objekt 166“. Nach erfolgreichen Erprobungen ging dieses Modell 1962 als T-62 im Werk Nr.183 in die Serienproduktion. Der mittlere Panzer T-62 sollte als Zwischenlösung bis zur Produktionsaufnahme des neuen Standardpanzers (T-64) dienen.
Auf der Basis des „Objekt 166“ entwickelte man das „Objekt 167“ mit der 115 mm Kanone U-5TS und dem verbesserten Laufwerk des „Objekt 140“, das jedoch nicht in Serie ging.
Im Zusammenhang mit der Serienproduktion des T-62 und den Entwicklungsarbeiten am „Objekt 167“
projektierten das Werk Nr. 74 das „Objekt 434“ mit der leistungsstarken 125 mm Glattrohrkanone D-81T (2A46). Die Versuchsmuster wurden 1966-1967 erprobt. Dieses Modell ist im Mai 1968 als T-64A in die Bewaffnung übernommen worden und bildete die Basis für die zukünftige Großproduktion.
Da die Produktionskapazitäten für den sehr komplizierten 2-Takt-Gegenkolbenmotor 5TDF nicht ausreichte, wurde die Reservevariante „Objekt 439“ projektiert, die mit einem 4-Takt-Dieselmotor der W-2 Reihe ausgerüstet in den anderen Panzerwerken produziert werden sollte.
Das „Objekt 172“
Im Werk Nr. 183 in Nishni Tagil fand Ende Januar 1962 einer Beratung des KB mit dem Thema: „Wie muß der zukünftige Panzer des Uralwagon-Werk aussehen“.
Zuvor weilten die Konstrukteure in Charkow, um sich mit dem „Objekt 432“ vertraut zu machen.
Hintergrund war immer noch die Aufnahme der Serienproduktion des „Objektes 432“ im UWZ .
Auf dieser Beratung einigten sich die Konstrukteure auf wichtige „Verbesserungen“, die sie für die eigene Produktion als notwendig betrachteten.
Zu diesen gehörten:
Denn das KB hatte die strickte Weisung eine Reservevariante „Objekt 439“ mit einem 4 Takt Dieselmotor und keinen neuen Panzer zu entwickeln.
Die Projektierung unter dem Werksindex „Objekt 172“ begann erst im November 1967. Das Projekt war mit einem Ladeautomaten, der mit der neuen 125 mm Kanone D-81 in einem Versuchmuster T-62 erprobt worden und dem 12 Zylinder-4-Takt Dieselmotor W-45K ausgestattet.
Für die Herstellung von Versuchsmustern wurden aus Charkow sechs T-64A zwecks Umbau geliefert.
Im Kampfraum war der neue Ladeautomat eingebaut worden und der Motor-Raum wurde für den Dieselmotor W-45K verändert. Der Umbau der ersten beiden VM war im September 1968 abgeschlossen. Die anschließenden Werkserprobungen dauerten bis Ende des Jahres.
Ab 1969 begannen Vergleichserprobungen mit folgenden Fahrzeugen:
- „Objekt 172“ mit kabinenlosen Ladeautomaten, Laufwerk T-64A, neue Wanne, Motor W-45K
- „Objekt 173“ Ladeautomat mit Kabine, Motor W-45K; Turm, Wanne, Laufwerk max. unifiziert
mit dem T-64A.
Beide Objekte hatten einen einheitlichen Motoren- und Kraftübertragungsraum nach der Nishni Tagiler Konstruktion.
- „Objekt 434“ mit Motor 5TDF, Ejektor-Kühlsystem, kassettenlosen Luftfilter.
Die festgestellten Mängel führten zu weiteren Überarbeitung des „Objektes 172“. Insgesamt sind bis zu Abschluß der Erprobungen Anfang Februar 1970 zwanzig Versuchsfahrzeuge gebaut. Die Erprobungen hatten ergeben: der kabinenlosen Ladeautomaten für die 125 mm Kanone D-81T und der Dieselmotor W-45K hatten sich bewährt. Probleme gab es durch Ausfälle und Brüche der Laufrollen, Schwingungsdämpfern und anderen Teilen des Laufwerkes.
Es stand fest, dass das „Objekt 172“ für eine Übername in die Ausrüstung und in die Serienproduktion nicht geeignet war.
Das „Objekt 172M“
Der Regierungsbeschluß Nr. 326-112 vom 12.05.1970 „Über die Maßnahmen zur Schaffung von Kapazitäten für die Produktion der Panzer T-64A“ stellt praktisch die Geburtsstunde des T-72 dar.
Mit Ihm erhielt das Werk Nr.183 die Aufgabe die Ausarbeitung des „Objekt 172“ mit dem Motor W-45K sowie dem Laufwerk und dem Ladeautomaten des KB Karzew abzuschließen und die Serienproduktion vorzubereiten, die ab dem 01.01.1972 im UWZ beginnen sollte. Gleichzeitig wurde das Werk von der Produktion des T-64 befreit.
Gestützt auf die bisherigen Entwicklungsarbeiten wurden bis Ende 1970 die ersten drei Versuchsmuster mit der Bezeichnung „Objekt 172M“ hergestellt. Sie hatten ein neues Laufwerk (Weiterentwicklung vom „Objekt 167“), dessen breite Ketten mit denen des T-54/55/62 unifiziert waren, den 4Takt-Dieselmotor W-46 mit 780 PS und ein zweistufiges Luftfiltersystem mit Kassetten. Dadurch war das Gewicht auf 41 t gestiegen. Diese Fahrzeuge durchliefen von November bis April 1971 die Werkserprobungen und wurden am 06.Mai 1971 dem Verteidigungsminister vorgeführt.
Bis zu Sommer 1972 wurden 15 weitere Panzer gebaut und absolvierten intensive Vergleichserprobungen mit dem T-64 und T-80 in allen Klimazonen. Die Kontrollerprobungen der Einführungspartie wurden im 1. Halbjahr 1973 mit positivem Resultat abgeschlossen.
Mit dem Beschluß des Ministerrates der UdSSR Nr. 554-172 vom 07.08.1973 wurde das „Objekt 172M“ als T-72 in die Bewaffnung aufgenommen. Nach einer Einführungspartie von 30 Panzern, begann 1974 die Serienproduktion im Werk Nr.183 „Uralwagonwerk“ in Nishni Tagiler.
Ein Jahr später erhielten die Panzer die Bezeichnung T-72 „Ural“
Der Chefkonstrukteur im Werk Nr. 183 L.N. Karzew hatte nicht nur technischen Sachverstand und Weitsicht bewiesen sondern auch sehr viel Mut, Hartnäckigkeit und Durchhaltewillen um „seine Konstruktion“ durchzusetzen. Die Geschichte hat bewiesen, das der T-72 nicht nur hervorragende Kampfeigenschaften besitzt, sondern auch optimal für eine Serienproduktion geeignet ist und von der Truppe auch unter schwierigsten Bedingungen beherrschbar ist.
Karzew hatte auch in einem weiteren Punkt recht behalten: Die Möglichkeit Weiterentwicklung und Modifikation.
Weiterentwicklungen
Der Hauptkampfpanzer T-64 hatte mit seinen Hauptvarianten T-64A und T-64B und den auf diesen aufbauenden Varianten mit dynamischer Zusatzpanzerung T-64AW und T-64BW die Belastungsreserven des leichten Laufwerken erreicht.
Diese Panzer wurden ausschließlich von der sowjetischen Armee genutzt Sie waren auch in der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland auf dem Gebiet der DDR stationiert, wurden aber nicht exportiert.
Die Weiterentwicklung des T-72 wurde seinerseits mit den Hauptvarianten T-72A und T-72B, später mit der dynamischer Zusatzpanzerung T-72AW und T-72BW, sowie mit verschiedenen Exportvarianten T-72S fortgesetzt. Auf der Basis des Panzer T-72 sind verschiedene Unterstützungsfahrzeuge entstanden: Brückenlegepanzer MTU-72, Pioniermaschine IMR-1 Bergepanzer BREM-1 usw.
Weitere Modifikationen entstanden und entstehen durch den Export und die Lizenzvergabe an Länder wie VR Polen, CSSR/Chechien und Indien. Nicht zu vergessen die Varianten die durch Umbauten (Modernisierung/Kampfwerksteigerung) entstanden.
Und schließlich erfolgte am 5.Oktober 1992 die Aufnahme des Nachfolgemodell T-90 „Objekt 188“ in die Bewaffnung der Armee der Russischen Föderation.